Wie 6 Gemeinden in Bosnien das Problem mit den Hunden angehen – Pilotprojekt mit Zukunft?

Ein Problem, viele Lösungswege – doch was bringt überhaupt Besserung und warum ist es so wichtig, die lokale Bevölkerung bei diesem Prozess mit im Team zu haben? Es gibt unzählige Projekte für Hundevermittlungen zu uns in die Schweiz, nach Deutschland oder Österreich. Wir sind tierlieb, Hunde – oder auch Katzen – die es zu uns schaffen, erwartet in den meisten Fällen ein tiergerechtes schönes Leben. Doch solange in den Ländern vor Ort nichts verändert wird, bleiben Adoptionen immer nur einen Tropfen auf dem heissen Stein.

Steffi und Elzemina - Tierhilfe in Bosnien
Elzemina (rechts) stellte uns das Projekt der UNDP & IFAW vor.

Wir treffen Elzemina in Sarajevo und erfahren mehr

Elzemina erkennt uns am vereinbarten Treffpunkt rasch – wir stechen mit unseren Kameras und der komischen Sprache aus der Masse. Wir begrüssen uns und nehmen in einem Café ein paar Schritte weiter Platz.

Elzemina ist eine Frau Mitte 50. Sie ist Projekt Koordinatorin bei der UNDP (United Nations Development Programme) und hat ein grosses Herz für die Tiere. Ihre Augen strahlen und wir merken schnell, sie liebt ihre Arbeit und ist mit vollem Einsatz dabei. Natürlich haben wir viele Fragen im Gepäck und nach einem gegenseitigen ersten Kennenlernen, starten wir auch gleich mit dem Interview:

Warum setzt sich die UNDP für Hunde ein?

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ist das globale Entwicklungsnetzwerk der Vereinten Nationen, das in rund 170 Ländern und Gebieten tätig ist. In Bosnien und Herzegowina verpflichten wir uns, dem Land durch verstärkte nationale und lokale Kapazitäten zu helfen, politische, wirtschaftliche und soziale Reformen und Entwicklung durchzuführen.

Wir von der UNDP machten eine Umfrage bei der Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina. Da waren viele Fragen über das Wohlbefinden und die Sicherheit der Einwohner dabei. Fühlen sich die Bewohner sicher in ihrer Gemeinde? Und sehr viele antworteten darauf, sie haben Probleme mit den streunenden Hunden. Beispielsweise Eltern mit Kindern, ihre Kinder gehen zur Schule, einige füttern Hunde, andere haben Angst vor Hunden. Beide Situationen sind Chancen zum Eskalieren des Zusammenlebens mit den Tieren.

Die Hunde werden zum Problem für die persönliche Sicherheit der Menschen. Die UNDP tut viel für die Verbesserung der Sicherheit für die Menschen. Aufgrund der vielen Rückmeldungen zum Problem mit Hunden suchten wir Hilfe bei einer internationalen Organisation für Tiere. Wir mochten die Arbeit von IFAW (Internationaler Tierschutzfond), weil diese mit den lokalen Bewohnern für eine Lösung des Problems arbeiten. Sie helfen den Menschen ihre eigenen Wege zu finden. Das gibt den Projekten die Chance zu überleben. Wir starteten in 6 Gemeinden mit der gemeinsamen Arbeit.

Welches waren die ersten Schritte dieses Projektes?

Wir brachten in diesen Gemeinden Leute aus allen Schichten zusammen an den Tisch und wenn ich sage viele, meine ich viele. Die Teams bestehen meist aus rund 20 Personen von Bauern, Lehrern, Kindergartendirektoren, Eltern, Jägern, Tierliebhabern und viele andere – auch lokale Medienvertreter sind sehr wichtig zu involvieren.

Es ist nicht so, dass die Leute Hunde nicht mögen, sondern sie haben Angst vor Ihnen. In einem Land wie Bosnien werden Probleme mit Hunden schnell zu Politischen Problem. Es wird gezielt Angst geschürt in der Bevölkerung um Aktionen der Regierung zu rechtfertigen.

Gab es keine Probleme diese bunte Gruppe Leute an einen Tisch zu bringen?

Dieses Projekt unterscheidet sich von anderen, weil es verschiedene Leute an einen Tisch bringt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Einige sagten mir, diesen Mann/diese Frau solltest du auf keinen Fall ins Team holen, er/sie wird nur stören. Und ich sagte: Genau dann müssen wir ihn/sie involvieren! Es wurden alle eingeladen und es gab Einzelgespräche vor dem ersten Treffen. Sie mussten vorab wissen: Es muss zusammengearbeitet werden!

Bei den Workshops selbst stellte ich nur die Fragen – wie ein Moderator. Du musst dir vorstellen du hast Jäger und Tierliebhaber an einem Tisch. Die zwei Gruppen hassen sich! Aber glaub mir, schwieriger zu kontrollieren waren nicht die Jäger, es waren die Tierliebhaber. Weil sie so frustriert sind, sie begannen mit der Zeit Menschen zu hassen aufgrund ihrer Erfahrung. Sie fühlen sich isoliert, alle machen sie für das Problem verantwortlich. Die füttern die Hunde! Sie machen das Problem immer schlimmer!

Wichtig ist der gegenseitige Respekt unter den Teilnehmern, egal wie verschieden ihre Ansichten und Massnahmen sind.

Wie startete der erste Workshop? Was habt ihr gemacht?

Jede Person erzählt seine Probleme mit den Hunden, es ist wichtig für die Gemeinschaft zu hören, was andere Menschen für Probleme mit den Streunern haben: sie beissen unsere Hunde, sie graben in unseren Feldern, sie stören den Verkehr, sie brauchen unsere Parks als Toilette – aber auch: sie sind verletzt und niemand hilft ihnen, sie sind krank. Es ist wichtig, dass die Leute erstmals zuhören, alle haben ein Problem mit den Hunden, aber aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Hund
Strassenhunde in Bosnien-Herzegowina

Dann frage ich: Wie kommen die Hunde auf die Strasse? Warum enden Sie da? Gebt mir eure Einschätzung dazu. Und da kommen viele Ideen, die in 4 Gruppen unterteilt werden können:

  • Ausgesetzte Hunde – Leute haben keine Lust mehr auf die Tiere
  • Verlorene Hunde – das kann passieren
  • Freilaufende Hunde, die wieder nach Hause gehen (Anmerkung: ist hier normal)
  • Auf der Strasse geborene Hunde

4 Quellen wovon 3 von Menschen gemacht sind! Nur eine ist eine «natürliche» aber auch deren Eltern sind aus einer der anderen 3 Gruppen.

Kastrationen und Sterilisationen sind nur ein Werkzeug. Es muss ein Teil der Lösung sein, aber es dient nicht zur Behebung des Ursprungs vom Problem selbst.

Eine erstaunliche Feststellung! Wie geht es weiter?

Danach interessiert mich, was in dieser Gemeinde schon für Massnahmen umgesetzt wurden. Also frage ich: Was wurde in der Vergangenheit gegen das Hundeproblem unternommen? Listet alle unternommenen Aktionen auf. Die Antworten waren Erschiessungen, Gift, Vermittlungen, Füttern – eine lange Liste. Es war wichtig zu sehen, was wer unternommen hatte und auch, dass die Teilnehmer hörten, was alles schon gemacht wurde in dieser Gemeinde.

Die Teilnehmer mussten vermerken, auf wen diese Massnahme zielte – Mensch oder Hund. Die Antworten waren einstimmig: Hund, Hund, Hund, Hund. Danach musste definiert werden, ob das Problem Menschengemacht ist oder vom Hund aus kommt: Mensch, Mensch, Mensch, ein bisschen vom Hund, Mensch. Das ist ein entscheidender Punkt! Alle Massnahmen zielten auf die Hunde, wobei doch alle Probleme vom Menschen geschaffen wurden. Das ist einer der Schlüsselmomente des Workshops, wenn die Teilnehmer realisieren, egal was wir unternahmen, es war für nichts! Denn solange wir dem Ursprung des Problems nicht vorbeugen, verlaufen alle Massnahmen im Sand. Das war der Grund, warum ich zuvor gesagt habe, Kastration und Sterilisation ist gut, aber es ist nie die Behebung vom Problem.

Alle Massnahmen zielten auf die Hunde, wobei doch alle Probleme vom Menschen geschaffen wurden.

Nach dieser Erkenntnis bat ich die Teilnehmer, eine perfekte Gemeinde für Menschen zu beschreiben. Und es kamen Antworten wie gute Häuser, gutes Essen, Schulbildung, Bewegungsmöglichkeiten etc. Und nun sagt mir, was brauchen die Hunde für ein gutes Leben? Gutes Haus, Essen, Bewegung, Liebe, medizinische Versorgung… Eigentlich dasselbe wie wir! Und was passiert mit den Hunden, wenn sie das nicht bekommen? Sie sind verletzt, krank, werden aggressiv, attackieren Kinder z.B. wegen dem Essen.

Schaut euch nun an, was die Konsequenzen sind, wenn die Bedürfnisse der Hunde nicht erfüllt werden. Und jetzt schaut auch an, welche Probleme wir zu Beginn aufgeschrieben haben, die wir mit den Hunden haben. Es sind die gleichen! Zu Beginn nanntet ihr es Probleme, jetzt realisiert ihr, es sind Konsequenzen, weil wir uns nicht um die Hunde und ihre Bedürfnisse kümmern.

Ob wir sie lieben oder nicht, wenn wir eine gute Lebensqualität für uns wollen, müssen wir uns um die Hunde kümmern. Machen wir nichts, werden sie krank, aggressiv… und wir bekommen Probleme mit ihnen.

Am Ende des Workshops sind alle sehr inspiriert und voller Motivation. Weil jetzt hat sich ihr Ärger in konstruktive Bahnen gelenkt, sie wissen jetzt, was sie tun können.

Die zwei Frauen mit Händen am diskutieren - Tierschutz Bosnien-Herzegowina
Zwei Tierliebhaberinnen unter sich – Steffi und Elzemina.

Was war der schwierigste Punkt während des ersten Workshops für dich?

Es ist hart am Anfang zu hören «wir sollten sie alle erschiessen» und nicht darauf einzugehen. Ich muss diese Menschen den Prozess selber machen lassen! Und manche müssen auch einfach mit dem wirtschaftlichen Aspekt überzogen werden: Denn selbst wenn eine Kugel nur ein paar Cent kostet, ist es trotzdem die teuerste Massnahme, weil es nie endet! Klar für Tierliebhaber ist das kein Argument, aber für Hasser ist das manchmal die beste Überzeugungstaktik.

Es ist ein langer Prozess aber ich habe wirklich Hoffnung, dass sich die Leute ändern und sich die Situation verbessert.

Worum geht es im zweiten Workshop?

Im zweiten Workshop kreieren die Mitglieder dann konkrete Pläne zur Verbesserung der Situation. Sie kommen zusammen und diskutieren, was sie machen können. Sie arbeiten nun als Team, eine grosse Gruppe aus Tierliebhabern, Tierärzten, Hassern – alle Gruppen!

Die Gemeinden realisieren, dass Adoptionen eine gute Alternativen zu Tierheimen sind. Es werden Familien in der Gemeinde gesucht, aber auch im Ausland. Es bringt noch mehr Verständnis der Bewohner, wenn die Hunde in der Gemeinde adoptiert werden.

Die Finanzierung solcher Projekte ist oft ein schwieriger Punkt. Wie wird das gelöst?

Die IFAW übernimmt einen Teil, zum Beispiel finanziert sie uns Impfungen. Die Strassenhunde unterstehen der Gemeinde, der Bürgermeister ist sozusagen deren Besitzer – er ist vom Gesetz aus verantwortlich. Er muss sowieso ein Budget für dieses Problem bereitstellen und es ist viel besser, dieses Geld für einen konkreten Plan einzusetzen – also beispielsweise für unser Projekt. Weiter engagieren sich die Tierärzte mit gratis Eingriffen für Strassenhunde, sie müssen aber auch mit den Besitzern arbeiten und informieren. Die Menschen müssen informiert werden, was es heisst, ein verantwortungsbewusster Hundehalter zu sein. Sie müssen wissen, was die Bedürfnisse von den Hunden sind und wie sie diese erfüllen können.

Wann wurde das Projekt gestartet und wie ist die Zufriedenheit damit?

Wir alle lernen von diesem Prozess, nicht nur die Leute vor Ort, auch ich lerne davon viel. Es ist ein gutes Gefühl etwas bewirken zu können, auch wenn wir noch ganz am Anfang stehen. Wir brauchten viel Zeit bei der Umsetzung des Projektes, wir sind seit rund einem Jahr damit beschäftigt. Erstmals brauchten die Gemeinden Impfstoffe für die Tiere, Entwurmungsmittel, Tierärzte mussten für das Projekt gewonnen und weitergebildet werden. Und erst jetzt können langsam Adoptionsplattformen erstellt werden.

Du bist aus Sarajevo. Wie ist die Situation mit den Strassenhunden hier?

In Sarajevo gibt es die britische Tierhilfsorganisation Dog Trust. Laut deren Zählung lebten im 2015 rund 7’600 Streunern in Sarajevo, 2012 waren es noch über 11’000 Tiere. Im August 2016 gab es eine Aktion der Regierung, die Hunde von den Strassen wurden im grossen Stil eingefangen. Wir kennen die Kapazität der Tierheime in Sarajevo und die Zahl der eingefangenen Hunde stimmt niemals mit der Kapazität überein – niemand weiss genau, was mit den Tieren geschah. Deshalb könnt ihr heute nicht viele Hunde auf der Strasse sehen, wärt ihr vor einem Jahr nach Sarajevo gekommen, hättet ihr viel mehr Streuner gesehen.

Strassenhunden geht es nicht prinzipiell schlecht. Ich sorge mich um die Hunde, die verletzt sind von Verkehrsunfällen, die krank sind, die eingesammelt und eingesperrt werden oder die, die einfach verschwinden.

Aus der Sicht der Hunde ist es okay auf der Strasse zu leben, es ist nur aus unserer Sicht nicht gut für sie.
Hund liegt auf Wiese in Sonne - Tierschutz Bosnien
Ein Streuner sonnt sich in Sarajevo.

Zum Schluss…

… gibt uns Elzemina den Kontakt zu zwei Personen in Trebinje. Der Ort liegt auf unserem Weg in Richtung Montenegro und ist eine der sechs Gemeinden des Projektes. Was wir da vor Ort erfahren haben, schildern wir dir im nächsten Beitrag zu unseren Nachforschungen „Hunde in Bosnien-Herzegowina – das etwas andere Hilfsprojekt“.

Engagierst du dich im Tierschutz? Was hältst du von diesem Projekt, das die lokale Bevölkerung in die Lösungsfindung und Umsetzung einbezieht?

Tierische Grüsse

dein comewithus2-Team


 

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