Der Chasseral bietet dir mehr als nur guten Empfang

Handyantenne auf Berg, Aussicht, blauer Himmel / Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Blick vom Chasseral – mehr als nur guter Handyempfang

Ich nehme dich mit auf eine tolle zweitägige Wanderung auf und um den Chasseral. Gemeinsam überqueren wir den Röstigraben. Wir schnüren dort unsere Wanderschuhe und setzen die Rucksäcke auf. Wir überwinden insgesamt 2844 Höhenmeter, schlafen auf einer Alp und durchqueren malerische Landschaften.

Villeret BE – Chasseral – Métairie de Dombresson

Mit dem Zug reisen wir via Biel durchs Vallon de St-Imier bis nach Villeret. Die kleine Gemeinde im Berner Jura ist der Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung. Die Schuhe sind geschnürt, der Rucksack aufgeschnallt und die Trinkflaschen gefüllt.

Die gelben Wanderweg-Tafeln sagen dreieinhalb Stunden bis zum Gipfel des Chasserals – unserem Ziel von heute. Da wir um 11 Uhr starten,  ist diese Wanderung auch perfekt, wenn man am selben Morgen anreist.

Los geht’s also ins Naturschutzgebiet Combe Grède. Eine imposante Schlucht, die aussieht, als ob jemand mit einer Axt ein Stück aus dem Berg geschlagen hat.

Weite Ebene mit Handyantenne - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Hochebene vom Chasseral

Start unserer 2-Tages-Wanderung

Zu Beginn läuft man durch einen Mischwald. Alles ist ruhig, nur die Vögel hört man Pfeifen. Das Bachbett ist ausgetrocknet, kein Wasser rinnt über die Steine.

Langsam aber sicher steigt auch der Wanderweg an. Wir packen unsere Wanderstöcke aus. Wir sind übrigens mein Vater und ich. Immer wieder werden wir von Joggern überholt, welche die Schlucht als Trainingsgelände nutzen. Die Wege sind sehr gut präpariert: Tritte wurden an den steilen Stellen eingebaut, Metallbrücken helfen beim Überqueren des Bachbetts und Holzstege sind an den fast senkrechten Felswänden befestigt. Die Schlucht verengt sich von Schritt zu Schritt immer mehr.

steile Treppen der Felsen entlang - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Klettersteige in der Combe Grède

Es geht hoch hinaus

Knapp 900 Höhenmeter überwältigen wir auf den gerade mal neun Kilometer langen Wanderungen. Die steilsten Stellen  können wir dank befestigten Metallleitern hochsteigen und an anderen Orten schlängelt sich der Weg in Haarnadelkurven den Berg hoch. Kein Wunder gibt es auch hier Stau – wir wandern an einem Sonntag und der Chasseral ist ein beliebtes Reiseziel für gross und klein. Wir treffen auf ganze Familienclans. Für uns erstaunlich, wie die Kleinsten, die teils sehr hohen Tritte hochkraxeln, wo selbst wir Erwachsenen doch eine Hand zur Hilfe nehmen müssen.

Nach rund zwei Stunden flacht sich das Gelände ab. Wir befinden uns immer noch im Wald auf einer Ebene, wo wir unsere Mittagspause machen. Leider haben wir keine Wurst dabei, um sie bei der Grillstelle zu braten. Am Brunnen füllen wir unsere mittlerweile leeren Trinkflaschen und machen uns weiter Richtung Chasseral.

Wir halten uns an den linken Weg und wandern nun unter freiem Himmel Richtung Métairie de Morat. Links und rechts erheben sich grüne Wiesen voller Blumen, Schmetterlingen und Löcher im Boden. Die Löcher sind Eingänge zu den unterirdischen Gängen der Murmeltiere. Mit etwas Geduld und Glück strecken sie ihre Köpfe aus dem Boden. Aber Vorsicht: kommt man ihnen zu nahe, pfeifen sie und alle Köpfe tauchen gleichzeitig ab, wie diejenigen der Synchronschwimmerinnen bei Olympia.

Chasseral und sein kleiner Bruder der Petit Chasseral

Zweihundert Höhenmeter weiter oben machen wir bei der Métairie de Morat einen Richtungswechsel, überqueren eine Kuhweide und steigen weiter hoch auf den kleinen Bruder des Chasserals: den Petit Chasseral.

Kühe grasen, Blick in Ebene mit Windrädern - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Die Sicht vom Petit Chasseral über das Vallon de St-Imier bis in den Kanton Jura.

Zwischen den Brüdern durchqueren wir eine kleine Senke und blicken hoch auf das „Wahrzeichen“ des Chasserals: Ein 114 Meter hoher Sendeturm thront auf dem Berg.

Noch ein kurzer und intensiver Anstieg und wir geniessen die Aussicht auf das Drei-Seen-Land. Über uns kreisen Segelflieger und Gleitschirme, die von der Thermik rund um den Berg Gebrauch machen.

Panoramabild mit Gleitschirmfliegern, Blick auf Seen in Ebene - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Der Bieler-, Murten- und Neuenburgersee vom Chasseral aus.

Wir kehren im Hotel Chasseral ein. Der Berg verfügt über eine Strasse bis fast zum Gipfel, auch ein Postauto fährt hoch. Kein Wunder also, dass das Restaurant „pumpsvolle“ ist. Die Terrasse ist vollgestopft. Drinnen riecht es wie in einem Fondue-Chalet. Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass das Hotel Sonntag und Montag geschlossen ist und wir vorab eine Alternative suchen mussten.

Oberster Punkt mit Blick in die Ebene - Wandern in der Schweiz / Kurztrip
Strasse zum Chasseral mit dem tollen Ausblick.

Gestärkt geht es zum Übernachtungsort

Nach diesem kurzen Zwischenstopp verlassen wir den Berg und folgen den Wegweisern Richtung Vue-des-Alpes auf der Route 5 der Schweizer Wanderwege. Bereits nach kurzem Marsch erreichen wir unser heutiges Ziel: La Métairie de Dombresson.

Die Unterkunft haben wir telefonisch vorab reserviert. Fünfundzwanzig Franken für die Übernachtung mit Frühstück pro Person. Die wenigen Tische auf der Terrasse waren voll als wir ankamen. Die Stimmung war ausgelassen, doch verwunderlich war, dass die meisten Personen gar keine Wanderschuhe trugen und auch überhaupt nicht verschwitzt aussahen, so wie wir. Die Lösung war einfach, die Alphütte ist – wie der Chasseral – mit dem Auto erreichbar. Und dies nutzten viele der Gäste. Sie kamen extra hier rauf um Abend zu essen.

Einzelnes Gasthaus mit wehender schweizer Fahne - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
La Métairie de Dombresson: Unbedingt hier Übernachten.

Die Gastgeberin, Chantal Torche, steht persönlich am Herd und bereitet üppige und ländliche Küche zu. Wir bestellten „Cordon Rouge“ (ein nicht paniertes Cordon Bleu) und die Wurst mit Zwiebelsauce. Beides mit Rösti und einem Salat. Ich sage dir, es war köstlich. Die Portionen sind sehr gross und Hand aufs Herz, die Köchin versteht ihr Handwerk. Die Stimmung bleibt auch beim Abendessen ausgelassen und man hat das Gefühl, dass hier jeder jeden kennt.

Geschlafen wird wahlweise im alten Schweinestall, der jetzt zu einem Schlafen-im-Stroh umfunktioniert wurde oder im Massenschlag. Das Frühstück wird früh serviert: Alpkäse, Konfitüre, Honig und Brot. Dazu einen starken Kaffee. Was will man noch mehr. Wir sind bereit für unsere zweite Etappe.

Métairie de Dombresson – Le Pâquier – Mont d’Amin – Vue-des-Alpes – Les Hautes-Geneveys

Wir überqueren zu Beginn wieder eine offene Kuhweide. Die Kühe machen uns den Weg frei als wir uns nähern und springen weg, sodass die Glocken um ihre Hälse laut klingen. Und sonst hört man nichts. Gar nichts. Wir wandern nun auf der Route 5 der Schweizer Wanderwege, da der Weg gut gekennzeichnet ist, brauchen wir unsere Karte nicht mehr und können uns stattdessen voll auf die wunderschöne Natur konzentrieren. Wir befinden uns wieder in einem kleinen Tal voller Kühe. Wisst ihr eigentlich, warum die Kühe Glocken tragen? Weil ihre Hörner nicht funktionieren. Ganz im Gegenteil zu diesem Witz ist das Gelände: nicht flach, sondern es geht ordentlich bergab.

Aussicht hinunter ins bewaldete Tal - Wandern Schweiz
Die Combe Crède von oben mit Blick auf Villeret.

Und plötzlich stehen wir wieder in einem Mischwald. Links und rechts ragen die hohen Felswände hoch, dicht mit Moos überwachsen. Alles scheint extrem grün und fruchtbar zu sein. Das Bachbett aber liegt ausgetrocknet neben dem Weg. Ich fühle mich etwas wie im Auenland. Es fehlen nur die kleinen Hobbits, die rumspazieren. Die Wege verengen sich bis wir schliesslich auf flacheres Gelände kommen und zwischen Feldern Le Pâquier erreichen.

Felder, weite Wälder und die Handyantenne vom Chasseral - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Der Blick zurück über die Felder bis zum Chasseral.

Von Bauern und Wasser-Sparschweinen

Auf dem kommenden Abschnitt bis nach Les Vieux-Près ist die Landschaft sehr abwechslungsreich. Kleine Steigungen, Waldwege, geteerte Strassen und freie Felder. Und ununterbrochen strahlt die Sonne vom Himmel. An einem Bauernhof in der Nähe von Les Vieux-Près dürfen wir unsere Wasserflaschen nochmals auffüllen und eine kurze Pause machen. In das bereitgestellte „Wasser-Sparschwein“ werfen wir einen Einfränkler ein und blicken nochmals über die Felder zurück zu unserem heutigen Startpunkt – dem Chasseral.

Kurz nach dem Stopp steigt der Weg wieder an. Auf kürzester Strecke überwinden wir 100 Höhenmeter. Dann 200, und gleich nochmals 100 bis wir uns auf dem höchsten Punkt des Mont d’Amin auf 1417 Meter über Meer befinden. Die Aussicht ist einfach gigantisch, den Blick über den Neuenburgersee wieder frei. Der perfekte Platz für unser Mittagessen, oder eher unser Picknick. Die Wanderkarte zeigt: Noch etwa 40 Minuten bis nach Vue-des-Alpes.

Vater und Sohn im Gras mit Blick ins weite Tal zu den Seen - Wandern in der Schweiz / Kurztrip Schweiz
Mein Vater und ich nach unserer Mittagspause bereit die Rucksäcke wieder aufzuschnallen.

Von hier aus geht es nur noch abwärts. Wie erwartet wieder über weite Kuhweiden, auf kleinen Trampelpfaden, die von tausenden vorangegangen Wandern gefertigt wurden.  Und zum ersten Mal frage ich mich, wieso die Kühe eigentlich ihr Geschäft immer auf diese Pfade erledigen müssen? So muss ich immer wieder den Weg vor mir kontrollieren, obwohl ich eigentlich lieber die atemberaubende Landschaft um mich herum bestaunen möchte.

Busfahrplan nach Wunsch – gewusst wie!

Wir treffen in Vue-des-Alpes ein. Hier war eigentlich unser geplanter Endpunkt, jedoch hat uns der öffentliche Verkehr eine Schnippe gespielt. Der Bus hält hier gerade dreimal am Tag, und dies auch nur, wenn man den Busfahrer mindestens eine halbe Stunde vor Abfahrt telefonisch kontaktiert hat. Ansonsten fährt der Bus gar nicht via der Vue-des-Alpes. In unserem Fall war die nächste Abfahrt auf in drei Stunden geplant. Deshalb entscheiden wir uns, noch weiter bergab zu wandern und den Zug in Les Hautes-Geneveys zu nehmen. Ein einstündiger Abstieg, der uns wiederum über Weiden und Wälder führt.

Ein Abschluss, der besser nicht hätte sein können. Denn er beschreibt unsere zweitägige Wanderung perfekt: offene Kuhweiden, traumhafte Wälder, steile Auf- und Abstiege. Lediglich noch mit einer wunderschönen Aussicht ergänzt.

Wanderung auf den Chasseral auf einen Blick
Höhenmeter Aufstieg: 1’518
Höhenmeter Abstieg: 1’326
Total Höhenmeter : 2’844
Kilometer: ca. 33 Km
Totale Wanderzeit: ca. 9.5 Stunden
Übernachtungs-Tipp: Métairie de Dombresson / CHF 25.- pro Person inkl. Frühstück
1. Tag: Villeret BE > Chasseral > Métairie de Dombresson
2. Tag: Métairie de Dombresson > Le Pâquier > Mont d’Amin > Vue-des-Alpes > les Hautes-Geneveys
Fantastische Aussichten, bezaubernde Berglandschaften, heimische Artenvielfalt und viel mehr erwartet dich auf dieser Wanderung.

Portrait Florian Roost (junger Mann mit Brille)

Gastautor:

Florian Roost, 27, studiert derzeit am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaften, ZHAW, Winterthur Journalismus und Kommunikation. Derzeit befindet sich der Naturfreund auf einem Auslandsemester in Schottland. Bevor es Florian in die Medien zog, verfolgte der Thurgauer eine äusserst erfolgreiche Karriere als Eiskunstläufer. Zusammen mit seiner Eistanzpartnerin wurde der ehemalige Spitzensportler neun Mal hintereinander Schweizer Meister und reiste für seinen Sport um die ganze Welt.

 

 

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