Mit meinem Bett in: Gabriella und Sandro im Interview

Mit dem „Büro Luz“ der Panamericana entlang

Auf der ganzen Welt sind Reisende, wie wir, mit ihren Fahrzeugen unterwegs. Sie suchen sich ihren Weg durch steiles Gelände, dem Strand entlang oder durch Grossstädte. Sie stossen an ihre Grenzen, erleben atemberaubendes und lernen dabei fürs Leben. In unserer Serie „Mit meinem Bett in…“ stellen wir dir immer Sonntags verschiedene Reisenomaden vor. Im 28. Teil lassen wir heute Gabriella und Sandro aka  vanabundos.com zu Wort kommen.

Persönlich 

Wir sind Gabriella Hummel (27) und Sandro Alvarez (38). In der Zürcher Medienwelt (Gabriella als Journalistin und Sandro als Leiter Content/Marketing) arbeiteten wir und lernten uns auch kennen. Im Juli 2016 aber haben wir unsere Wohnung und die Jobs gekündigt und fahren seitdem unseren VW-Bus (besser gesagt: er uns) von Nord- nach Südamerika. Diese Zeilen (April 2018) schreiben wir aus Ecuador.

Wir wollten schon immer mal länger auf Reisen gehen, doch erst als wir in Bali einen Van mieteten und uns dort ständig verfuhren, wussten wir, dass wir mit dem eigenen Gefährt losfahren mussten. Gabriella ist Liechtensteinerin, doch ihre Eltern sind Argentinier – so kam die Idee der Panamericana entlang zu fahren. Zuerst hatten wir geplant, 12 bis 18 Monate unterwegs zu sein – doch als wir nach neun Monaten noch immer erst im Mexiko herumtuckerten, musste ein Alternativplan her. Wir begannen, von unterwegs aus zu Freelancen. Dies resultierte darin, dass wir Anfang 2018 unsere eigene kleine Agentur für Text, Content-Beratung und Enkeltauglichkeit gründeten. Der Name der Agentur: Büro Luz. Benannt nach unserem VW-Bus Luz. So wurde diese Reise viel grösser, als wir es jemals erträumen hätten können. Wir sind nicht nur seit fast zwei Jahren in den Amerikas unterwegs, sondern haben uns unterwegs ortsunabhängig selbstständig gemacht. Auf vanabundos.com teilen wir hauptsächlich die Artikel, die wir über unser Leben für andere Medien schreiben.  Dort ist auch unser eBook zu finden, in dem wir die 100 häufigsten Fragen zu unserer Reise, dem Bus und uns beantworten. Wer aktueller informiert sein will, sucht uns besser auf instagram.com/vanabundos.


Das Fahrzeug 

Luz ist ein Volkswagen T3 Syncro – Letzteres bedeutet, dass er über einen Allradantrieb verfügt. Er gehörte vor uns einem Paar, das ihn für eine Südamerika-Reise hat ausbauen lassen. Nach ihrer Rückkehr verkauften sie ihn 2015 glücklicherweise an uns.

Er hat alles, was uns von Anfang an wichtig war: Allrad, Bodenfreiheit, Solarpanel, Wasserfilter, man kann darin stehen und er ist alt. Ab 1988 war er in Zürich als Polizeiauto im Einsatz und wurde immer sehr gut gepflegt, das bestätigte uns bisher jeder Mechaniker zwischen den USA und Kolumbien. Für uns war es wichtig, mit einem älteren Semester unterwegs zu sein, da er über fast keine Elektronik verfügt. Mechanisches lässt sich fast problemlos überall in Lateinamerika flicken, Elektronisches nicht. Wir lieben es, dass wir es so gemütlich haben in unserem Luz und Gabriella findet immer wieder neue Arten, ihn zu dekorieren.


Die Interview-Fragen 

Ihr habt von uns den bekannten „Mit meinem Bett in…“- Fragebogen erhalten, wo beantwortet ihr die Fragen?
So ein Klischee: in Canoa, Ecuador, mit Blick aufs Meer. Aber es ist gerade bewölkt. Das heisst bei uns immer Zeit für Arbeit!

Warum habt ihr euch genau für diesen Ort entschieden?
Gabriellas Cousin ist gerade für einen Monat zu Besuch und reist mit uns mit. Wir fahren jetzt spontan und etwas planlos die Küste in Richtung Süden und fliegen bald nach Galapagos. Canoa war das Epizentrum des schwerer Erdbebens 2016. Noch heute spürt man die Katastrophe deutlich. Vieles ist noch kaputt oder im Aufbau und es erinnert leider mehr an eine Geisterstadt als an einen lebendigen Surfort. Aber der Strand ist nach wie vor wunderschön und surfbar und auch Campingmöglichkeiten hat es genügend.

War die letzte Nacht ruhig oder hört ihr wie wir derzeit oft die Hunde bellen?
Letzte Nacht war tatsächlich eine der mühsameren. Wir campen auf dem Parkplatz eines Hotels (weil der Cousin im Zimmer schläft), neben dem Generator, der die ganze Nacht läuft. Dazu war es recht heiss (was wir uns nicht mehr so gewohnt sind, nach vielen Wochen und Monaten in den Anden), wir hatten Moskitos im Van und die Hunde haben gebellt. Nicht optimal, aber unser Leben am Tag ist ja nicht sooo stressig, also halb so schlimm.

Wie würdet ihr das Innere eures Reisemobils beschreiben, ist es euer Zuhause, das Wohnzimmer oder alles in einem?
In erster Linie ist es sicher ein Schlafzimmer. Als Camper verbringt man die meiste Zeit des Tages draussen, was wir sehr schätzen. Aber wir lieben es auch sehr, Zeit drinnen zu verbringen, weil es einfach saugemütlich ist!

Die Abenteuerer leben gerne draussen und drinnen.

Die Küche steht im Reisemobil meist oft nicht weit vom Wohnzimmer entfernt, verratet ihr uns euer Lieblings-Camper-Rezept?
Es gibt eine Erbse, ohne die wir mittlerweile nicht mehr leben könnten: die Kichererbse. Wir machen regelmässig Hummus (mit dem Stabmixer, juhu Solarpanel!) und haben gerade Kichererbsenmehl für uns entdeckt, mit dem wir Pancakes und Spanische Tortilla machen. Hmmm!

Kocht ihr oft selbst?
Es kommt darauf an. Wir essen seit Mitte letzten Jahres vegan, weshalb wir uns eher den Gegebenheiten anpassen. Sind wir in einer Stadt, in der es viele pflanzenbasierte Restaurants gibt, gehen wir viel auswärts – wenn nicht, kochen wir auch mal wochenlang selbst.

Wohnzimmer, Küche, Bad, alles auf wenigen Quadratmetern, warum reist ihr gerade mit dem Camper durch die Welt und nicht mit dem Flugzeug?
Weil man sich mit dem Flugzeug nicht verfahren kann!

Camping wird oft auch mit Romantik in Verbindung gebracht, was waren bis anhin eure schönsten Erlebnisse „on the road“?
Camping ist wohl öfter unromantisch als romantisch, haha! Aber natürlich, jeder Wildcampingplatz direkt am Meer ist immer etwas Besonderes. Wir haben in diesen 20 Monaten vor allem die Stille schätzen gelernt und können ihr stundenlang bei einem Glas Wein zuhören.

Gabriella und Sandro haben die Stille schätzen gelernt.

Freud und Leid liegen oft nahe beieinander, wo liegen die Probleme wenn man mit dem Camper unterwegs ist und seid ihr schon einmal stehen geblieben?
Ach, wie oft sind wir schon stehen geblieben! Meist passieren solche Dinge ja immer, wenn man Hunger hat – darum haben wir mittlerweile immer etwas zum Snacken dabei. Ansonsten lassen wir uns mittlerweile nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Gerade vor ein paar Wochen ging unsere Zündspule Mitten im Nirgendwo Kolumbiens kaputt. Wir wussten, dass wir ohne Handynetz auf unser Glück vertrauen mussten, packten in aller Ruhe unseren Stühle aus und assen am Strassenrand zu Mittag. Zwei Stunden später hielt ein Trucker an, schaute in den Motor, erkannte das Problem, rief seinen Freund, dieser kam mit einer neuen Zündspule, baute sie ein und wir waren noch vor Sonnenuntergang an unserem Ziel.

Als Camper ist man immer auf der Suche nach der schönsten Route, von welcher Strecke schwärmt ihr bei jeder Camper-Unterhaltung?
Ach, da gibt es so viele. Die Kaffeeregion südlich von Medellin in Kolumbien war schon ein absolutes Highlight.

Unterwegs in der Kaffeeregion in Kolumbien.

Fahrt ihr nach Karte oder mit einem Navigationssystem (mit welchen)?
Google Maps auf dem Handy. Wir laden die Karten immer herunter, damit wir uns auch ohne Netz navigieren können. Ging bis jetzt gut, aber seit wir in Ecuador sind, stimmen Routen oft nicht mehr. Müssen wohl mal über eine Alternative nachdenken. Wir haben auch eine analoge Karte, welche wir für lange Überlandstrecken benutzen.

Wann und wo habt ihr euch das letzte Mal so richtig verfahren und noch wichtiger wer hat dabei die Nerven behalten?
Wir verfahren uns ständig, meist auf der Suche nach veganen Restaurants! Wir können dann beide gut zicken, aber das verfliegt auch schnell wieder. Meist ist einer mies drauf und der andere hält die Stimmung hoch und umgekehrt.

Auf welche Apps könnt ihr als Reisende nicht mehr verzichten?
iOverlander, Google Maps, Instagram.

Blogs, Facebook, Reiseführer: Wie informiert ihr euch über euer nächstes Reiseziel?
Eine Mischung aus allem plus Instagram und immer, wenn wir neu in einem Land sind, fragen wir die Einheimischen, was man gesehen haben müsse.

Wir verfahren uns ständig, meist auf der Suche nach veganen Restaurants!

Folgt ihr auch mal den Touristen-Routen oder meidet ihr Sehenswürdigkeiten und Touristenhochburgen konsequent?
Alles hat seine Vor- und Nachteile. Wir liebe es, off-the-grid unterwegs zu sein, eine Woche nicht zu duschen und mit niemandem zu reden – schätzen aber auch sehr die guten Kaffeehäuser und das Essen in Touristenorten oder Städten. Generell folgen wir der Devise: Lieber selbst anschauen, anstatt etwas von vornherein zu streichen.

Wie löst ihr das bekannte Internet-Problem, habt ihr eine SIM-Karte oder gar einen Satelliten?
Neue SIM-Karte in jedem Land und viel Arbeiten in Kaffeehäusern und Hostels. Ab und zu auch mal ein Coworkingspace.

Bei uns läuft während der Fahrt immer laute Musik, bei euch auch oder singt ihr lieber selbst?
Wir hören Podcasts und Hörbücher! Momentan: Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari.

Wo übernachtet ihr lieber: Auf dem Campingplatz oder an einem wilden Ort in der Natur?
Auch hier: beides hat seine Vor- und Nachteile. Wir lieben beides, je nach Stimmung.

Wie lange könnt ihr mit eurem Reisemobil autark stehen? Und wer produziert in dieser Zeit euren Strom?
Unser Solarpanel! Damit läuft der Kühlschrank, das Licht und unsere Arbeits- (Laptops, iPad, Handy) und Küchengeräte (Wasserkocher, Stabmixer). Wenn wir sparsam mit dem Wasser sind (Wassertank: 60 Liter), etwa eine Woche. Am Burning Man Festival in Nevada standen wir fast zwei Wochen in der Wildnis (aber da hatten wir auch genügend Bier dabei, um Wasser zu sparen).

Apropos Sicherheit, wie sichert ihr euch während der Nacht? Hattet ihr gar schon einmal Angst?
Nicht besonders. Wenn wir frei stehen, nehmen wir die Surfboards von der Halterung draussen hinein. Angst hatten wir eigentlich noch keine. Manchmal ist man gerade anfangs ein wenig paranoid, aber das legt sich.

Zur schönsten Strecke gehört auch der schönste Stellplatz, wo liegt dieser für euch und warum?
Da gibt es einige: Pasaj Cap am Lago de Atitlan in Guatemala, Johnny Fiestas in Las Lajas in Panama, La Habana in Zipolite in Mexico, La Serrana in Salento in Kolumbien, Playa Flamingo in Costa Rica, La Pacha in San Gil in Kolumbien, und so weiter!

Gabiella am Schuhe anziehen

Bei der Frage nach dem schönsten Stellplatz kommen die Schweizer ins Schwärmen.

Welche Strecke möchtet ihr mit eurem Camper unbedingt einmal fahren, habt es aber bist jetzt noch nicht geschafft?
Wir wollen sicher Europa der Küste nach abfahren und vielleicht fahren wir mal noch nach Indien – das wäre ein Traum! Aber erst einmal warten top Strecken wie die Carretera Austral (Chile) oder die Ruta 40 (Argentinien) auf uns!

Was ist entscheidend, ob ihr eine oder gleich mehrere Nächte an einem Ort bleibt?
Ganz einfach, wenn wir uns wohlfühlen, bleiben wir! Das kann dann schon ausarten, wie am Lago Atitlan oder in Zipolite, wo wir jeweils einen Monat verbrachten.

Fussballmatchs, Konzerte, oder den Backofen: Was vermisst ihr am meisten von Zuhause wenn ihr „on the road“ seid?
Wir haben einen Campingbackofen, den wir LIEBEN und der uns regelmässig feines Brot schenkt. Am meisten vermissen wir Freunde und Familie, alles andere ist Nebensache.

Ohne Ofen geht bei den Abenteurern gar nichts!

Hand aufs Herz, wie oft schaut ihr unterwegs Filme oder Serien online an? Habt ihr einen Fernseher dabei oder dient der Laptop auch dafür?
Unser iPad Mini ist die beste Multimediastation der Welt und wir sprechen oft darüber, wie praktisch es ist. Es ist Buch, Radio, TV in einem. Wenn wir gutes Wifi haben, laden wir jeweils Podcasts, (Hör-)Bücher und Netflix-Serien und -Filme herunter und haben die dann für unterwegs zur Verfügung. Wie oft wir Serien schauen, kommt darauf an. Wenn es mehrere Tage regnet, gut und gerne täglich. Wenn wir wie jetzt am Meer sind, nie.

Im Camper zu leben heisst zusammenleben auf wenigen Quadratmetern, fliegen da auch einmal die Fetzen?
Wir sind beide nicht sehr streitlustig. Und da wir so selten streiten, enden Streits dann meist in Gelächter, weil wir uns selbst nicht ernst nehmen können. Jemand von uns ist ab und zu passiv-aggressiv bei Hunger und Müdigkeit (wer wohl?), was aber auch immer besser wird.

Was schätzt ihr am Reisen als Paar?
Alles! So viel Zeit miteinander zu verbringen, ist ein Geschenk. Früher sahen wir uns mehr zwischen Tür und Angel, da ist uns das Leben jetzt viel lieber.

„Diese Reise hat uns in erster Linie näher zu uns selbst gebracht“, so Gabriella und Sandro.

Hat sich eure Beziehung verändert, seit ihr auf der Reise seit?
Sie hat sich auf jeden Fall vertieft. Wir sprechen ab und zu darüber, dass wir uns in unseren alten Leben vielleicht sogar auseinandergelebt hätten und vielleicht gar nicht mehr zusammen wären. Diese Reise hat uns ja in erster Linie näher zu uns selbst gebracht – jeder zu sich – und das wirkt sich natürlich extrem positiv auf eine Beziehung aus.

Damit auch der nächste Tank wieder gefüllt ist, braucht es Geld, womit finanziert ihr eure Reise, lebt ihr dauerhaft im Camper?
Mit unserer Agentur für Text und Content-Beratung: Büro Luz. Ausserdem haben wir ein eBook geschrieben, in dem wir die 100 häufigsten Fragen zur Reise und unserem Leben nach einem Jahr unterwegs beantwortet haben. Da wir bald unser Zweijähriges feiern, bereiten wir momentan Volume II vor! Das eBook ist spendenbasiert zu haben. Ansonsten ist Gabriella noch immer als freie Journalistin tätig und schreibt für verschiedenste Magazine und Zeitungen.

Apropos Tank, wie viel habt ihr für die letzte Füllung bezahlt? (Literpreis/Land)
30 US-Dollar für 70 Liter! Ja, Ecuador ist wohl das günstigste Land. Benzin ist hier subventioniert: eine Gallone (3.8 Liter) kostet etwas mehr als 1 Dollar.

Wohin geht eure Reise in den kommenden Monaten? Wie sieht eure Route aus?
Erst einmal werden wir einige Wochen in Quito bleiben, da Gabriella in einem Hostel Yoga unterrichten wird. Danach geht es dann bald auf nach Peru. Das Ziel ist es, Weihnachten in Buenos Aires zu verbringen. Was danach passiert, wissen wir noch nicht.

Wo seht ihr euch in 5 Jahren? Seid ihr dann immer noch „on the road“ oder vielleicht doch wieder sesshaft?
Gut möglich! Momentan lieben wir das ortsunabhängige Leben und Arbeiten sehr.

Wir danken Gabriella und Sandro für das spannende Interview und wünschen eine gute Weiterreise und stets genug Sprit im Tank. Die nächste Ausgabe „Mit meinem Bett in…“ folgt schon bald. 

Von | 2018-04-17T11:15:08+00:00 16, 4, 2018|"Mit meinem Bett in..."|Kommentare deaktiviert für Mit meinem Bett in: Gabriella und Sandro im Interview